Weshalb richtet sich meine Beratung vorrangig an Frauen?
Lange Zeit ging man davon aus, dass ADHS und Autismus vor allem männliche Personen betreffen. Entsprechend orientierte sich auch die Diagnostik an den Symptomen und Verhaltensweisen, die bei ihnen beobachtet wurden.
Erst in den letzten Jahren findet zunehmend Beachtung, dass Frauen vermutlich nicht seltener betroffen sind – sondern dass sich Neurodivergenz bei ihnen oft anders zeigt. Häufig leiser. Angepasster. Kontrollierter.
Viele Frauen entwickeln bereits früh Strategien, um nicht aufzufallen. Sie beobachten, gleichen aus, funktionieren. Die innere Belastung ist aber keinesfalls geringer – oft im Gegenteil.
Trotz des wachsenden Wissens um spezifisch weibliche Formen von Neurodivergenz orientieren sich die Diagnosekriterien noch immer stark an den früheren, überwiegend männlich geprägten Bildern. Die Folge: Frauen werden noch immer seltener diagnostiziert. Später diagnostiziert. Oder erhalten andere Erklärungen für ihr Erleben.
Was oft fehlt, ist ein Blick, der nicht nur auf offensichtliche Symptome schaut, sondern auf das, was darunter liegt – und genau das ist mir wichtig.
Andere Personengruppen möchte ich nicht grundsätzlich ausschließen, mein Fokus liegt jedoch auf spezifisch weiblichen Formen von Autismus und ADHS sowie den Erfahrungen, die damit einhergehen. Denn genau diese Perspektive hat lange Zeit gefehlt – und ist leider auch heute noch nicht selbstverständlich.
Schwierigkeiten und Probleme bei der (Autismus-)Diagnostik
Viele Menschen entscheiden sich gegen eine Diagnostik oder zögern sie hinaus, weil sie unsicher sind: „Könnte ich WIRKLICH betroffen sein? Macht der Aufwand Sinn? Was, wenn ich mir alles nur einrede?“.
Fällt die Entscheidung schließlich doch, ist der Weg zur Diagnose meist lang: es gibt nur wenige spezialisierte Anlaufstellen für Erwachsene, oft bestehen erhebliche Wartezeiten – oder die Wartelisten sind sogar geschlossen. Vom ersten Verdacht bis zur ersten Abklärung vergehen so nicht selten Jahre.
Doch auch die Diagnostik selbst hat derzeit ihre Grenzen:
Im fachlichen Diskurs besteht heute weitgehende Einigkeit darüber, dass es sich bei Autismus um eine besondere Art der Wahrnehmung und Verarbeitung handelt. Nicht alles, was innerlich stattfindet, ist dabei nach außen eindeutig sichtbar. Dennoch orientiert sich die klinische Diagnostik noch immer stark an standardisierten Verfahren und stützt sich auf beobachtbares Verhalten. Besonders Menschen, die viel kompensieren und gelernt haben, unauffällig zu sein, werden dabei noch immer häufig übersehen und fallen durch das Raster der diagnostischen Kriterien.
Spezifische Ausprägungen bei Frauen finden bislang ebenfalls nur begrenzt Eingang in diagnostische Standards und eine umfassende, wirklich tiefergehende Einschätzung ist im zeitlich eng gefassten Rahmen von sowieso schon überlasteten Anlaufstellen kaum möglich.
Ich biete selbst keine Diagnostik an. Doch besteht bei mir die Möglichkeit, Fragen und Unklarheiten gemeinsam zu besprechen, Unsicherheiten zu sortieren und Relevantes herauszuarbeiten.
Auch die Frage, ob eine Diagnostik sinnvoll sein könnte und was man sich davon erhofft, kann dabei in Ruhe betrachtet werden.
Manchmal reicht schon ein Gespräch, ein Impuls oder eine neue Perspektive, um sich selbst klarer zu sehen und das eigene Erleben besser einordnen zu können.
Eine Diagnose kann hilfreich sein – aber sie ist nicht der einzige Maßstab dafür, ob etwas „gilt“. Wichtiger ist zunächst: die eigenen Muster zu verstehen. Worte zu finden. Zusammenhänge zu sehen.
Ich nehme mir die Zeit, wirklich hinzuschauen und den Rahmen zu finden, der für dich passt. Mein Fokus liegt dabei weniger auf einzelnen Verhaltensweisen, sondern vor allem auf der Frage, wie du die Welt wahrnimmst und verarbeitest.
(Der Text bezieht sich auf die Autismus-Diagnostik, Vieles lässt sich jedoch auch auf AD(H)S übertragen – nicht selten treten beide Diagnosen auch gemeinsam auf.)
Vor und nach der Diagnose
Vor einer möglichen AD(H)S- oder Autismus-Diagnose steht oft eine Zeit der Unsicherheit. Man liest, hört, sieht etwas – und erkennt sich unerwartet darin wieder. Erste Vermutungen tauchen auf, aber meist vor allem auch Zweifel: Trifft das wirklich auf mich zu – oder rede ich mir das nur ein? Was ist wirklich entscheidend und relevant? Was ist eigentlich „normal“? Und was bedeutet das jetzt alles?
Oft entsteht ein inneres Hin und Her: Einerseits das Gefühl, vielleicht etwas Wichtiges erkannt zu haben. Andererseits die Unsicherheit, sich vielleicht doch zu irren. Aber auch ganz praktische Fragen können auftauchen: Soll ich eine Diagnostik machen? Ist es auch in Ordnung, darauf zu verzichten? Was würde sich dadurch überhaupt ändern für mich?
Wir können gemeinsam anschauen, was dich beschäftigt, was unklar ist und welchen Weg du gehen möchtest. Ich unterstütze dich dabei, Gedanken zu sortieren, Zusammenhänge zu erkennen und herauszufinden, was für dich stimmig ist.
Nach einer Diagnose verschiebt sich schließlich oft Vieles. Häufig bringt sie zunächst Erleichterung: Dinge bekommen endlich einen Namen, Erfahrungen lassen sich einordnen und neu verstehen. Gleichzeitig entsteht nicht selten ein inneres Durcheinander und ganz neue Fragen:
- Soll ich nun einfach weiterleben wie bisher?
- Wer bin ich eigentlich?
- Was bedeutet die Diagnose konkret für mich – im Alltag, in Beziehungen, im Job, in meiner Lebensgeschichte?
Eine Diagnose kann ganz wichtige Antworten geben – bringt aber oft auch neue Fragen mit sich. Oder schlicht das Bedürfnis, sich Zeit zu nehmen und genauer hinzuschauen. Den Wunsch, das eigene Erleben ernst zu nehmen, endlich zu begreifen.
Damit allein zu bleiben, kann schwierig, überfordernd oder auch schmerzhaft sein. Gemeinsam hinzuschauen, kann es leichter machen.
Warum Begleitung?
Ich selbst war Mitte 20, als ich im Studium zum ersten Mal auf das Thema ADHS stieß. Es dauerte nur wenige Wochen – Hyperfokus sei Dank – bis ich alles gelesen hatte, was ich darüber finden konnte.
Es dauerte etwa ein Jahr, bis ich den Mut fand, meinem eigenen Verdacht auf AD(H)S nachzugehen.
Das ist inzwischen schon etwas länger her und ich sah mich damals mit Ärzten, Psychologen und Psychiatern konfrontiert, die mir Dinge erklärten wie:
„Frauen haben kein ADHS.“
oder „Sie haben Abitur – da können Sie doch kein ADHS haben.“
Ich bekam die unterschiedlichsten Diagnosen gestellt. Die merkwürdigsten Empfehlungen.
Ich erklärte. Ich kämpfte. Ich zweifelte. Am Ende stand die Diagnose. Medikamente. Und ein Gefühl von: endlich ergibt etwas Sinn.
Viele Fragen konnte ich damit schließen. Gleichzeitig entstanden unzählige neue.
Vieles in dieser Zeit war schwierig. Anstrengend. Zermürbend. Am schwersten war allerdings: Ich war allein nach der Diagnosestellung.
Allein mit der Erleichterung.
Allein mit den Fragen.
Allein mit dem Chaos in mir.
Rückblickend bin ich mir sicher, dass Vieles hätte anders und leichter sein können. Dass es einen deutlichen Unterschied gemacht hätte, in dieser Zeit ernst genommen zu werden – und mich selbst ernst nehmen zu dürfen.
Später kam für mich die Autismus-Diagnose dazu, die vieles noch einmal in einen anderen Zusammenhang brachte. Ich bin noch immer dabei, mich, mein Hirn und die Welt zu verstehen. Und ich weiß, wie viel es bedeutet, dabei – vor allem anfangs – nicht allein zu sein.
Natürlich lässt sich das nicht verallgemeinern und es ist völlig normal, sich zunächst erstmal selbst mit Vielem zu beschäftigen. Rund um das Thema Neurodivergenz gibt es so viele Informationen, Bücher, Foren, Ratgeber.
Aber manchmal entsteht dann doch der Wunsch nach etwas anderem, direktem Austausch, Gespräch.
Ärzte und Therapeuten haben oft nur wenig Zeit oder einen klaren Fokus auf Symptome und deren Behandlung. Gespräche bleiben mehr bei dem, was deutlich sichtbar, messbar, behandelbar ist. Für viele Fachpersonen war Neurodivergenz zudem nie Bestandteil der Ausbildung (oder bestenfalls Randthema), so dass nicht selten spezifisches Fachwissen fehlt.
Im persönlichen Umfeld ist es oft nicht einfacher: Manchmal reagieren Familie oder Freunde mit Unverständnis oder Desinteresse. Andere wollen zwar unterstützen, wissen aber nicht wie. Und selbst wenn sie zuhören, bleibt oft eine Distanz, weil sie die Erfahrung nicht wirklich teilen.
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann hier sehr wertvoll sein – aber Viele sind selbst noch ganz am Anfang ihrer Suche. Noch mittendrin im Einordnen. Im Sortieren. Auch sie können nur begrenzt unterstützen.
Dabei ist das, was oft besonders fehlt, häufig gar nicht so sehr das schnelle Finden von Lösungen und Antworten, sondern vielmehr Zeit und Raum für ein gemeinsames Hinschauen. Gedanken zu Ende denken dürfen. Dinge aussprechen, die noch keine klare Form gefunden haben.
Dort setzt meine Arbeit an. Nicht als Ersatz für Therapie oder Diagnostik. Sondern als Ergänzung: ein Raum, in dem Verstehen entstehen kann.