Religion ist nicht erotisch, weil sie Sexualität thematisiert, sondern weil sie Begehren strukturiert, ohne es zu erfüllen. Wenn wir „Erotik“ im Sinne von Platon denken, dann ist Religion eines der ältesten Felder, in denen Eros bewusst gehalten wurde.
Nicht als Lust, sondern als Spannung zwischen Mensch und Absolutem.
→ Religion beginnt nicht mit Glauben, sondern mit Mangel. Religiöse Erfahrung beginnt fast nie mit „Ich weiß.“, sondern mit Sehnsucht, Schuld, Getrenntsein, Unwürdigkeit, Suche. Das sind klassische Eros-Zustände: Ein Mensch steht nicht bei sich, sondern vor etwas, das ihn übersteigt.
Ein Gott, der erklärbar ist, beweisbar ist, verfügbar ist, ist nicht erotisch, sondern funktional.
Erotisch ist nur ein Gott, der sich entzieht, schweigt, nicht erscheint, nie ganz erreicht wird.
Deshalb sind religiös erotisch nicht die Dogmen, sondern die Klagepsalmen, die Bitten, die Zweifel, die dunklen Nächte, das „Warum hast du mich verlassen?“
Sobald Religion sagt „So ist Gott.“, „So ist der Mensch.“, „So ist die Wahrheit.“, stirbt Eros. Dann wird Religion erklärend, identitätsstiftend, moralisch kontrollierend.
→ Eros lebt nicht im Glaubenssatz, sondern im Gebet. Nicht im Bekenntnis, sondern in der Bitte.
Gebot, Gesetz, Ritual
Religiöse Ordnung trägt Eros, weil sie keine Erklärung liefert, sondern Form. Ein Gebot sagt nicht: „Das ist wahr.“, sondern: „So lebst du vor mir.“. Ein Ritual sagt nicht: „Jetzt ist es erfüllt.“, sondern: „Du trittst immer wieder an dieselbe Schwelle.“
→ Religiöse Ordnung ist kein Besitz von Wahrheit, sondern ständige Wiederannäherung. Das ist zutiefst erotisch.
Schuld, Demut, Unterwerfung
Hier berühren wir etwas, das heute extrem missverstanden wird.
Begriffe wie Demut, Unterwerfung und Gehorsam wurden moralisch entkernt oder pathologisiert.
Aber ursprünglich meinten sie keine Selbstverachtung, sondern: Anerkennung eines absoluten Gegenübers.
Demut heißt:
- Ich setze mich nicht gleich
- Ich bin nicht Maß aller Dinge
- Ich muss mich nicht behaupten
→ Das ist kein Urteil über den eigenen Wert, sondern Aufhebung des Ich-Zwangs. Und genau das ist erotisch.