Zustand Null

Orte, die nichts miteinander zu tun haben.
Und doch dieses Gefühl, dass sie sich im Inneren treffen.
Kirche und Kerker. Tempel und Wald. Hell und Dunkel. Verlieren und Finden. Auflösen und Sein.
Und die Frage: Wohin führt es, wenn man den Widersprüchen folgt? Sie verbindet? Den Ort sucht, an dem keine Namen mehr sind, doch eine ganz eigene Wahrheit wartet?


Ausgangspunkt

Menschen machen sich die Welt begreifbar, indem sie Unterscheidungen ziehen: Wir sagen „dies“ – und zugleich entsteht damit ein „nicht dies“, wobei zwischen jedem „dies“ und „nicht dies“ eine trennende Linie verläuft. Entlang solcher Linien finden wir Ordnung (und innerhalb dieser Ordnung verorten wir auch unser „Ich“).

Im Alltag erscheinen uns diese Unterscheidungen meist selbstverständlich und unser Blick legt sich automatisch auf eine der Seiten. Schaut man allerdings auf die Linie selbst, berührt man plötzlich einen Punkt, an dem Begriffe unklar werden, Bewertung brüchig, Gewissheiten instabil.

An genau diesem Grenzpunkt wird sichtbar, dass unsere Ordnung nicht die Welt oder „Wahrheit“ selbst ist – sondern nur eine mögliche Art, sie zu lesen. Ein Ort, an dem Kategorien kollabieren und Gegensätze nicht versöhnt-, sondern unhaltbar werden.

In vielen Bereichen und Traditionen haben sich Menschen mit diesem Punkt beschäftigt, ihm verschiedenste Namen gegeben. Ich nenne ihn:

„Zustand Null“


Worum geht es?

Kurz gefasst:
um die Annäherung an einen Ort, an dem Widersprüche und Unterscheidungen sich auflösen. Um die Betrachtung von Paradoxien, ein Hinterfragen von Grenzen und alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Um die Frage nach Wahrheit.

Wenn man nun nach konkreten Momenten sucht, in denen Gegensätze verschwimmen und das „Ich“ seine Form verliert, braucht es Kontexte, in denen Menschen besonders deutlich mit ihren äußersten Grenzen konfrontiert sind. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen solche Erfahrungen möglich sind, ich will mich vorerst aber vor allem konzentrieren auf:

  1. Macht, Kontrolle, Hingabe, Sexualität
  2. Religion und Spiritualität
  3. psychische Krisen/ Erkrankungen

Auf den ersten Blick wirken diese Bereiche vielleicht unvereinbar, ihre Auswahl womöglich sogar provokant. Doch in jedem der Felder geht es um Kontrolle und ihr Loslassen, um Hingabe und Widerstand, um die Nähe von Zerstörung und Befreiung. Im Kern zeigen sie alle denselben Prozess: Gegensätze, die sich so weit zuspitzen, dass sie irgendwann ineinander kippen – und in diesem Kippen einen Punkt berühren, an dem sowohl das Ich als auch die Gegensätze selbst verschwinden können.

(Mit „Kippen“ ist der Moment gemeint, in dem die trennende Linie zwischen A und B ihre bindende Kraft verliert und beide Seiten sich als Lesarten derselben Dynamik zeigen.)



Form, Struktur, Methodik.

Mir ist wichtig, dass dieses Projekt keine rein rationale Analyse wird, doch auch keine rein subjektive, emotionale oder rein intuitive Darstellung. Stattdessen soll sich die grundsätzliche Logik des Projekts auch in meiner Herangehensweise spiegeln: kein bloßer Verstand, kein bloßes Gefühl – sondern ein Weg, in dem Beides ineinanderfließt, eine Art „Logik des Fühlens“ oder „Fühlen in der Logik“. Genau wie die Gegensätze, die im Projekt betrachtet werden, soll der Gegensatz von Verstand und Gefühl die Betrachtung tragen – nicht getrennt, sondern als Teil derselben Bewegung.

Das gesamte Projekt soll dabei keiner vordefinierten klaren Linie folgen, sondern ordnet sich um einen Kernzustand, der die einzelnen Themen anzieht und sie verbindet: „Zustand Null.“ Von diesem Kern aus ziehen die Themen ihre Kreise. Kontrolle/Hingabe, Spiritualität/Religion und psychische Erkrankungen sind für mich vorerst die zentralen Felder, aber sie bleiben offene Einstiegspunkte. Jedes Kapitel kann neue Wege öffnen, neue Fäden spinnen, sich mit anderen verbinden.

Ich stelle mir das Projekt dabei weniger als eine geschlossene Abhandlung vor, sondern sehe es mehr als ständig wachsenden Raum mit verschiedenen Kapiteln, wobei unterschiedliche Stimmen, Bilder und Fragmente nebeneinander bestehen und sich gegenseitig spiegeln. Manche Kapitel sind stärker inszeniert, andere dokumentarisch, wieder andere bestehen vorrangig aus Gedanken oder Gesprächsausschnitten. Sie alle kreisen um denselben Punkt, doch jede*r Lesende oder Betrachtende kann letztlich eigene Verbindungen ziehen, eigene Linien erkennen.

Das Projekt ist kein „Werk“, das nach einem festen Abschluss sucht, sondern angelegt als wachsender Resonanzraum. Es lebt von Fragmenten, Kapiteln und Knotenpunkten, die sich alle um „Zustand Null“ drehen.



„Zustand Null“ – „Jurljin“

„Trying to find the place where inside and outside become one. Where all opposites and contradictions dissolve. And between the contradictions is… silence.“ war die Grundidee, der ich in meinem Projekt „Jurljin“ folgte.

Mir ging es dort vor allem um den bewussten Verzicht auf Verstand und Erklärung. Jurljinsucht nach einer Verbindung zu Natur, Körper, Nicht-Intentionalität, um sozial geformte Ideen wie wahr/falsch, gut/schlecht, ich-du zurückzulassen und Stille zu finden. Stille wird dabei als Umhüllung erlebt, als Freiheit oder:

Ich darf hier sein, ohne etwas zu sein.

Das Ich wird dünn, durchlässig. Es gibt kein klares Außen, das beobachtet – und kein festes Innen, das sich zeigt. Die Bilder entstehen, sie werden nicht gemacht. Es gibt keinen Schnitt, keine Entscheidung, keine Distanz.
Das Sprechen (in Bildern oder Worten) ist prä-reflexiv.
Es kommt unterhalb von Bedeutung, vor Form, vor Haltung. Jurljin ist nicht Ausdruck – Jurljin ist Zustand.

Jurljin vermeidet Analyse, Benennung, Erklärung – und schafft damit Weite, Zeitlosigkeit, Ursprünglichkeit, Gefühl.

Zustand Null kann als eine Art Erweiterung von Jurljin verstanden werden. Er erweitert Jurljin allerdings nicht um neue Erfahrung, sondern um Bewusstsein über die Erfahrung. Zustand Null arbeitet mit Paradoxien, Kippen von Gegensätzen, Dichte, Grenzerfahrung.

  • Jurljin sucht einen Ort, der jenseits von Deutung liegt, sie entzieht den Maßstab und existiert ohne Wahrheit. Sie sucht nach Stille, die trägt = Erfahrung (So fühlt es sich an, wenn nichts mehr zwischen mir und Sein steht.)
  • → Zustand Null tritt zurück in die Welt, die Jurljin verlassen hat, doch versteht sich als Spiel mit leeren Kategorien. Als Ort, an dem Wahrheit ihre Macht verliert. Es geht um den Punkt, an dem Stille nicht mehr trägt = Struktur

Jurljin ist Erfahrung. Zustand Null ist die Grenze der Erfahrung.
Zustand Null ist kein Raum, sondern ein Grenzpunkt, an dem Bedeutung ihre Selbstverständlichkeit verliert. Gegensätze lösen sich nicht auf, sondern kollabieren unter ihrer eigenen Logik. Stille ist hier nicht weich, sondern dicht, schneidend, unbewohnbar.

Jurljin sucht die Erfahrung von Wahrheit jenseits des Alltags. Zustand Null sucht die Stellen, an denen diese Erfahrung als menschliches Grundmuster erscheint.

Jurljin fragt: „Wie fühlt sich Wahrheit an?“ – Zustand Null fragt: „Warum fühlt sich Wahrheit so an?“

Jurljin sucht die Erfahrung. Zustand Null sucht die Struktur dieser Erfahrung.

Jurljin sucht die Auflösung des Ichs und nimmt damit der Wahrheit ihr Gewicht.
Zustand Null greift die Wahrheit selbst an und entzieht dem Ich damit einen festen Boden, auf dem es existieren könnte.