Zustand Null
Orte, die nichts miteinander zu tun haben.
Und doch dieses Gefühl, dass sie sich im Inneren treffen.
Kirche und Kerker. Tempel und Wald. Hell und Dunkel. Verlieren und Finden. Auflösen und Sein.
Und die Frage: Wohin führt es, wenn man den Widersprüchen folgt? Sie verbindet? Den Ort sucht, an dem keine Namen mehr sind, doch eine ganz eigene Wahrheit wartet?
Grundlagen/ Fundament
Menschen machen sich die Welt begreifbar, indem sie Unterscheidungen ziehen. Wir sagen „dies“ – und definieren damit implizit auch „nicht dies“, wobei zwischen „dies“ und „nicht dies“ eine trennende Linie verläuft. Auf diese Art finden wir Orientierung, Ordnung (und innerhalb dieser Ordnung verorten wir auch unser „Ich“).
Wo beide Seiten der Linie einen eigenen Namen bekommen, nehmen wir sie als Gegensatz wahr1 (Hell/Dunkel, Gut/Böse, Sein/Nicht-Sein etc.) – und obwohl wir im Alltag wohl eher selten darüber nachdenken, ist den meisten von uns klar: Was uns als Gegensatz erscheint, ist im Grunde immer eine gegenseitige Abhängigkeit – „Hell“ ist nur denkbar, weil es „Dunkel“ gibt; ein „Ich“ gewinnt Kontur erst am „Nicht-Ich“; jedes „Innen“ braucht ein „Außen“. Und so weiter.
Etwas weniger klar und selbstverständlich ist uns manchmal, dass das, was wir „hell“ oder „dunkel“, „stark“ oder „schwach“, „liebevoll“ oder „grausam“ nennen, nicht auf einer universell gegebenen Wahrheit beruht, sondern stets von Rahmen und Perspektive abhängt. Wir sehen und benennen also keine Sachen oder Eigenschaften „an sich“, sondern stets eine Bewegung, die wir je nach Kontext anders einordnen. So kann zum Beispiel Hingabe je nach Blickwinkel als Schwäche erscheinen oder auch Stärke sein. Härte kann als Gewalt gelesen werden oder in anderem Kontext als Fürsorge. Und ob mich das Schließen der Tür ein- oder aussperrt, hängt davon ab, auf welcher Seite ich stehe.
Das heißt: Gegensätze benennen bei näherer Betrachtung nicht zwei Dinge, sondern sind stets nur zwei Lesarten ein und derselben Bewegung. Benennen ist ein Schnitt – und was uns durch den Schnitt getrennt erscheint, existiert nur wechselseitig. Ohne den Schnitt bleibt ein unteilbares Feld.
Wenn wir die Gegensätze also zusammenziehen (d. h. die trennende Linie selbst in den Blick nehmen oder zeitweise fallen lassen), verliert die klare Benennung ihre Eindeutigkeit. Sichtbar wird die Bewegung selbst, bevor sie als A oder B gelesen wird.
Klingt zunächst vielleicht eher belanglos oder banal oder auch unverständlich, aber es wird wirklich spannend, wenn man sich das nochmal richtig überlegt:
Wir zerlegen, um zu verstehen. Dieselben Linien, die Orientierung geben, verstellen allerdings den Blick aufs Ganze. Je feiner wir schneiden, desto schärfer werden die Begriffe – doch desto weiter entfernen wir uns vom Ursprung. Wer zum Ganzen zurück will, muss bereit sein, auf gewohnte Raster und die damit verbundene Sicherheit zu verzichten. Oder kürzer: dieselbe Linie, die eine Form von Sinn stiftet, schneidet uns von einer anderen Form von Sinn ab.
Ich weiß nicht mehr, wann ich das zum ersten Mal so wirklich richtig begriffen hatte, aber es war einer dieser großen „Wow-Momente“ im Leben, die sich fast ein wenig nach Erleuchtung anfühlen2. 😉
Vor allem, wenn man dann nochmal genauer hinsieht: Wie eingangs erwähnt, verortet sich in der aus Unterscheidungen gewonnenen Ordnung auch unser „Ich“ – und ist zugleich Ergebnis als auch Werkzeug dieser Unterscheidungen. Seine Form bekommt es erst durch die Linie Ich/Nicht-Ich, wobei das Benannte – wie in jeder anderen Unterscheidung – fest mit dem Nicht-Benannten in Beziehung steht; d.h.: Wer wir sind, verweist stets auch auf das, was wir nicht sind.
Zugleich ist das Ich die Instanz, die Linien zieht, Dinge benennt, ordnet – und diese Ordnung fortwährend reproduziert. Daraus ergibt sich, dass dort, wo Linien verblassen oder sich auflösen, auch das Ich verblasst. Und dort, wo es kein Ich gibt, das Unterscheidungen zieht, gibt es keine Unterscheidungen.
Die Auflösung der Gegensätze ist also immer auch die Auflösung des Ichs. Und die Auflösung des Ichs das Ende der Gegensätze. Beides ist nicht zu trennen, sondern verweist auf denselben Ort:
Dort, wo keine Namen mehr sind.
Ich glaube, dass die Menschen diesem Ort bereits viele verschiedene Namen gegeben haben.
Ich nenne ihn:
„Zustand Null“
→ Soweit mein kleiner Schnelldurchlauf einleitender Theorie, den ich gefühlt tausendmal überarbeitet habe, weil sich immer wieder Sprünge oder Ungenauigkeiten eingeschlichen haben. Ich denke und hoffe, dass ich jetzt aber eine Form gefunden habe, die nicht zu abstrakt ist, aber dennoch nicht zu ungenau – und vielleicht sogar verständlich3. Es gibt so einige Punkte, die ich später gern nochmal aufgreifen-, verfeinern- und vertiefen will, aber das eigentlich Entscheidende an dieser Stelle ist:
Man kann das alles wunderbar abstrakt und theoretisch denken (und dabei irgendwo zwischen Faszination, Glück und Verzweiflung schwanken), aber es ebenso auf reale menschliche Erfahrungen übertragen. Und ich glaube, überall dort, wo Gegensätze besonders scharf hervortreten und ein Ich am deutlichsten gegen sein Nicht-Ich antritt, wird es interessant, weil genau dort auch die Auflösung der Gegensätze am greifbarsten wird.
Inhalt, Methode etc.
Was heißt das jetzt alles? Worum soll es eigentlich gehen?
Kurz gefasst: um die Annäherung an einen Ort, an dem Widersprüche und Unterscheidungen sich auflösen. Um die Betrachtung von Paradoxien, ein Hinterfragen von Grenzen und alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Um die Frage nach Wahrheit.
Wenn man nun nach konkreten Momenten sucht, in denen Gegensätze verschwimmen und das „Ich“ seine Form verliert, braucht es Kontexte, in denen Menschen besonders deutlich mit ihren äußersten Grenzen konfrontiert sind. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen solche Erfahrungen möglich sind, ich will mich vorerst aber vor allem konzentrieren auf:
- Macht, Kontrolle, Hingabe – vor allem im Kontext Sexualität und BDSM
- Religion und Spiritualität
- psychische Krisen/ Erkrankungen , insbesondere Magersucht und Selbstverletzung
Auf den ersten Blick wirken diese Bereiche unvereinbar, ihre Auswahl vielleicht sogar provokant. Doch in jedem der Felder geht es um Kontrolle und ihr Loslassen, um Hingabe und Widerstand, um die Nähe von Zerstörung und Befreiung. Im Kern zeigen sie alle denselben Prozess: Gegensätze, die sich so weit zuspitzen, dass sie irgendwann ineinander kippen – und in diesem Kippen einen Punkt berühren, an dem sowohl das Ich als auch die Gegensätze selbst verschwinden können.
→ Was heißt „Kippen zum Ganzen“?
Mit „Kippen zum Ganzen“ ist der Moment gemeint, in dem die trennende Linie zwischen A und B ihre bindende Kraft verliert und beide Seiten sich als Lesarten derselben Dynamik zeigen. Was dort sichtbar wird, ist kein dritter Pol, sondern eine übergeordnete Sicht. Das Ungeteilte.
Braucht es „Extreme“, damit es kippt?
Nicht zwingend – aber Extreme sättigen einen Rahmen, bis er sich selbst widerruft (dialektischer Effekt)
- Maximale Kontrolle kann faktisch Kontrollverlust erzeugen (Wo Kontrolle ins Letzte getrieben wird, kippt sie: Der Versuch, alles zu steuern, erzeugt Starre – und gerade darin verliert man das Steuer),
Maximale Hingabe kann als radikale Selbstbestimmung erscheinen (Hingabe ist ein gewähltes ‚Ja‘ – eine Form souveräner Selbstsetzung) - Kontemplation, existenzielle Erschütterung, Flow, Ekstase, tiefe Rituale… – sind Situationen, in denen die Benennungsinstanz (Ich) leiser wird. Dann zeigt sich der gemeinsame Prozess.
Gegensätze machen die Kante der Unterscheidung maximal sichtbar. An dieser Kante lässt sich am klarsten zeigen, wie Bedeutung durch Trennung entsteht – und wie sie sich lösen lässt. D.h. jede getroffene Unterscheidung kann grundsätzlich kippen, doch Extrempunkte sind eine Abkürzung.
(An der Stelle zur Vollständigkeit erwähnt: bei keinem der Themen geht es mir um eine Pathologisierung oder Abwertung, doch ebenso wenig um Glorifizierung – ich sehe darin lediglich Möglichkeiten und Ausdruck menschlichen Fühlens und Seins. Oder:
Ich betrachte Dinge, die selten an einem Tisch sitzen dürfen – nicht um sie zu verherrlichen und nicht, um sie zu verurteilen, sondern um ihre Sprache zu hören – dort, wo sie Teil eines Lebens sind und Spuren hinterlassen. Dabei frage ich nach dem, was Handlung tragen wollte, bevor es Handlung wurde. Ich suche nach Orten, in denen Ganzheit möglich wird und Tiefe bewohnbar.)
Also nochmal: Warum genau diese Themen?
- Es sind zentrale Orte von Grenzerfahrungen und typisch menschliche Räume, in denen das Oszillieren zwischen Alles und Nichts sehr klar erfahrbar wird
- Sie stellen das Ich radikal infrage (wer bin ich, wenn ich mich vollständig hingebe? Wenn ich faste, mich verletze?)
- Sie leben von Paradoxien: Lust im Schmerz, Reinheit im Schmutz, Freiheit in Ketten, Lebendigkeit im Nichts
Aber auch: es sind Themen, die für mich selbst eine Resonanzfläche bilden – und das war und ist mir wichtig. Ich habe einen inneren Bezug dazu, ich kann sie in irgendeiner Form fühlen und nicht nur von außen denken.
→ Und genau da ergibt sich der nächste Punkt:
Die Frage nach Form, Struktur, Methodik.
Mir ist wichtig, dass dieses Projekt keine rein rationale Analyse wird, doch auch keine rein subjektive, emotionale oder rein intuitive Darstellung. Stattdessen soll sich die grundsätzliche Logik des Projekts auch in meiner Herangehensweise spiegeln: kein bloßer Verstand, kein bloßes Gefühl – sondern ein Weg, in dem Beides ineinanderfließt, eine Art „Logik des Fühlens“ oder „Fühlen in der Logik“. Genau wie die Gegensätze, die im Projekt betrachtet werden, soll der Gegensatz von Verstand und Gefühl die Betrachtung tragen – nicht getrennt, sondern als Teil derselben Bewegung.
Das gesamte Projekt soll dabei keiner vordefinierten klaren Linie folgen, sondern ordnet sich um einen Kernzustand, der die einzelnen Themen anzieht und sie verbindet: „Zustand Null.“ Von diesem Kern aus ziehen die Themen ihre Kreise. Kontrolle/Hingabe, Spiritualität/Religion und psychische Erkrankungen sind für mich vorerst die zentralen Felder, aber sie bleiben offene Einstiegspunkte. Jedes Kapitel kann neue Wege öffnen, neue Fäden spinnen, sich mit anderen verbinden.
Ich stelle mir das Projekt dabei weniger als eine geschlossene Abhandlung vor, sondern sehe es mehr als ständig wachsenden Raum mit verschiedenen Kapiteln, wobei unterschiedliche Stimmen, Bilder und Fragmente nebeneinander bestehen und sich gegenseitig spiegeln. Manche Kapitel sind stärker inszeniert, andere dokumentarisch, wieder andere bestehen vorrangig aus Gedanken oder Gesprächsausschnitten. Sie alle kreisen um denselben Punkt, doch jede*r Lesende oder Betrachtende kann letztlich eigene Verbindungen ziehen, eigene Linien erkennen.
Das Projekt ist kein „Werk“, das nach einem festen Abschluss sucht, sondern angelegt als wachsender Resonanzraum. Es lebt von Fragmenten, Kapiteln und Knotenpunkten, die sich alle um „Zustand Null“ drehen.
Frühere Projekte
Ich denke, die Faszination für Widersprüche, Ambivalenzen und jene Momente, in denen Wahrheit ins Gegenteil kippt, begleitet mich schon immer. Der Wunsch, Bilder zu machen, die tragen, was Worte nicht halten können. Das leise Lächeln, wenn man an Grenzen stößt. Die Frage: Wo hört Denken auf – und was bleibt dann noch? Wo verschwindet das Ich, und was heißt eigentlich ‚Freiheit‘?
Vor einigen Jahren habe ich diese Grundthematik bereits aufgegriffen und versucht, sie in „the tiled wall“ zu einer Geschichte werden zu lassen – zugleich war das mein erster Versuch, einem klar gedachten Rahmen über längere Zeit zu folgen und Bilder gezielt zu inszenieren statt aus bloßem Gefühl entstehen zu lassen. Das war durchaus interessant und ein paar der Bilder mag ich noch immer sehr, aber ich glaube, es war eigentlich nicht wirklich meins und hat sich oft zu künstlich, glatt, geradlinig angefühlt.
Mein Projekt „Jurljin“ entstand dann vielleicht fast als eine Art Gegenentwurf. Kein Plan, kein Rahmen, der bewusste Verzicht auf Klarheit, Rationalität und einen formulierbaren Sinn. Ich mag das noch immer sehr und denke, dass diese Art des Fotografierens und auch die daran gebundene Ästhetik mir entspricht. Nur neigen Dinge ohne Ziel und Rahmen irgendwann dazu, sich leicht zu wiederholen und im Kreis zu laufen. Vielleicht spürte ich auch, dass mir das Denken und einordnen mitunter ein wenig fehlt.
„Zustand Null“ bündelt beides auf einer neuen Ebene: Fragment und Theorie, Gefühl und Rahmen. Es lässt die Glätte von tiled wall bewusst hinter sich und erweitert Jurljin um neue Felder und einen klaren (wenngleich nicht geschlossenen) Rahmen.
Das heißt:
Es gab die glatte Geschichte – the tiled wall – eine freundliche Oberfläche über kalten Räumen. Dann das Spüren ohne Ränder – Jurljin – Atem, Nebel, Jahreszeiten.
Zustand Null ist, was bleibt: Splitter und Stille, gehalten von einer leisen Logik.
Ein Raum, in dem Linien sich lösen und doch nicht fallen;
wo Macht und Ohnmacht, Hingabe und Widerstand ineinander kippen –
und das Ich kurz ohne Namen wird.
Ich mag in den nächsten Wochen ein paar klarere Linien innerhalb der einzelnen Themenkomplexe finden, grobe Skizzen einzelner Kapitel entwickeln.
Spontan im Kopf:
- Heilige Hingabe, Teresa von Avila
- „Ich bin nichts. Ich bin da, um benutzt zu werden. Danke.“,
- Natur als Tempel
- Zum Paradox der Freiheit
1 Benennen heißt immer trennen und beide Seiten des Getrennten bedingen einander, nur ist die Gegenseite mal gebündelt (A/B), mal das Komplement (A/Nicht-A). Ob sich eine Unterscheidung zum Gegensatz verdichtet, ist durch Kultur, Wahrnehmung, Zweck und Kontext geprägt und keine schlicht gegebene Tatsache. Ich werde mich bemühen, nicht-polare Paare durchgängig als „Unterscheidung“ zu bezeichnen und von „Gegensätzen“ immer dann zu sprechen, wenn zwei klar benennbare Pole vorliegen. Rein strukturell ist es aber immer derselbe Grundmechanismus, d.h. Unterscheidungen sind das Grundprinzip, Gegensätze sind die sichtbarste Form davon.
2 (als ich mit 8 oder 9 Jahren verstand, dass „Die Erde ist eine Kugel“ nicht nur irgendeine Aussage war, sondern die sehr logische Konsequenz haben muss, wieder am Ausgangspunkt zu landen, wenn man nur lang genug konsequent in die immer gleiche Richtung geht, war das ähnlich erleuchtend. Oder als ich ein paar Jahre später begriff, dass Fleisch und Wurst nicht nur zufällig den Namen von Tieren trägt, sondern wir WIRKLICH tote Tiere essen.)
3 Falls du Lust auf mehr Theorie hast: Ich hänge mich hier nicht an eine einzelne Schule und das Ganze soll keinesfalls eine rein theoretische Abhandlung werden. Anschlussstellen findest du aber z.B. in der Systemtheorie (Luhmann), in der Phänomenologie (Husserl, Merleau-Ponty) und im (radikalen/sozialen) Konstruktivismus. Ebenfalls passend: kognitive Psychologie und kognitive Linguistik (Kategorien, Prototypen, Metaphern). Resonanzen gibt es auch in nondualen Linien (Advaita, Buddhismus) – nicht als Beleg, sondern als Echo. Foucault passt dort, wo es um die historische Gemachtheit von Unterscheidungen (z.B. normal/abnormal) und um das Verhältnis von Macht und Wissen geht.